| Zeitungsbericht vom 30. Oktober 2002 | |
Eisiger Blick in Afrikas KlimageschichteThompsons Daten des Kilimandscharo |
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bt. Mit der Aussage, in weniger als 15 Jahren sei die Eiskappe auf dem Kilimandscharo geschmolzen - so zitierte ihn die «New York Times» -, hat Lonnie G. Thompson im Februar vergangenen Jahres international Schlagzeilen gemacht. Thompson, Glaziologe und Professor am Department of Geological Sciences an der Ohio State University in den USA und seit Jahrzehnten auf Eisbohrungen in tropischen Gletschern spezialisiert, basierte seine Prognose auf Luftaufnahmen der Eisfelder auf Afrikas höchstem Berg. Er hatte diese mit früheren Aufzeichnungen verglichen und errechnet, dass in den zwei vorangegangenen Jahrzehnten ein Drittel des Eises auf dem Kilimandscharo verschwunden sei. Thompson wurde mit seinem alarmierenden Befund an der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science 2001 in San Francisco plötzlich über den engeren Kreis seiner Fachkollegen hinaus berühmt und erhielt in der Folge zahlreiche Preise und Ehrungen. Nun haben Thompson und seine Frau, ihrerseits eine renommierte Glaziologin, gemeinsam mit Kollegen die ersten Daten aus sechs Eisbohrkernen publiziert, die sie in einer Expedition Anfang des Jahres 2000 auf der Spitze des Kilimandscharo den Gletschern entnommen hatten. Drei der Bohrungen sind um die 50 Meter tief und umfassen Klimadaten von zirka 11 700 Jahren. Die Bohrkerne ermöglichen - falls es gelingt, die Schichten richtig zu datieren und zu interpretieren, was keineswegs einfach ist - einen detaillierten Blick in die Klimageschichte Afrikas. Wenn es zutrifft, wie Thompson auf Grund eines Vergleichs der Ausdehnung der Eisfelder in den Jahren 1912, 1953, 1976, 1989 und 2000 errechnet, dass das Eis auf dem Kilimandscharo seit Anfang des Jahrhunderts mit praktisch gleich bleibender Geschwindigkeit zurückgegangen ist und - extrapoliert man diese Daten - zwischen 2015 und 2020 ganz verschwindet, bleibt nicht mehr viel Zeit, um dieses für Afrika einzigartige Archiv zu erschliessen. Dies ist denn auch eine der Hauptsorgen Thompsons, der, überzeugt vom Menschen als Verursacher, seit langem auch vor einer anthropogenen Klimaerwärmung warnt. Die Auswertung der Eisbohrkerne bestätigt zum einen bereits früher gewonnene Erkenntnisse. So lässt sich aus dem Eis eine Periode in der Zeit von 11 000 bis 4000 Jahren vor heute ablesen, in der in Afrika ein wärmeres und feuchteres Klima vorherrschte. Sie ist anhand eines erhöhten Anteils von Sauerstoff-18-Isotopen und geringer Aerosolmengen sichtbar. Die Spiegel der Seen lagen bis zu 100 Meter höher als heute; der Tschadsee zum Beispiel war 25-mal grösser. Vor etwa 4000 Jahren wurde es dann kühler und trockener, die Spiegel der Seen sanken. In den Bohrkernen sind laut den Autoren aber auch Phasen erkennbar, in denen das Klima abrupt gewechselt hat. Für die Zeit zwischen vor 8400 und 8200 Jahren leitet Thompson aus den Aerosolen rasche Schwankungen im Wasserstand der Seen ab. Sie scheinen gleichzeitig mit im Grönlandeis festgestellten klimatischen Veränderungen stattgefunden zu haben; die Autoren spekulieren daher, dass es gar Ereignisse im tropischen Afrika gewesen sein könnten, die weltweite hydrologische Veränderungen ausgelöst hatten. Ab 6500 Jahren vor heute sprechen Thompson und sein Team von einer zweiten Feuchtperiode, die mit einer Abkühlung einherging. Damals war es trockener als zuvor, aber feuchter als heute. Vor ungefähr 5200 Jahren ist im Eis eine weitere starke, aber vorübergehende Abkühlung und Trockenheit registriert. Sie fällt laut Thompson mit historisch belegten Veränderungen in den Zivilisationen des Nil-Tals, in Mesopotamien und mit dem Verlassen der neolithischen Siedlungen in der Arabischen Wüste zusammen. Eine dicke Staubschicht im Eis schliesslich dürfte etwa 4000 Jahre alt sein; sie weist laut den Autoren auf eine zirka 300 Jahre dauernde Dürre hin, für die es auch viele andere Belege gibt und die als Auslöser für den Kollaps ganzer Reiche gilt. Eine ähnliche Staubschicht hatten die Thompsons übrigens auch in Bohrkernen vom Huascarán in Nordperu gefunden - eines von mehreren Resultaten vom Kilimandscharo, die auf die weltweiten Zusammenhänge beim Klima hinweisen. Quelle: Science 298, 518-522; 548, 549; 589-593 (2002). |
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